Wie Veränderung gelingt: „Früher wäre ich sofort draufgesprungen. Heute weiß ich: Ich muss hier gar nichts richten.“

Julia von Sydow ist Agile Coach und arbeitet mit Teams an ihrer Zusammenarbeit. Sie hat unsere Weiterbildung „Psychologie der Veränderung“ absolviert. Wir haben sie gefragt, was sich verändert hat – ganz konkret, im Alltag.

Ich hatte in mir einen Teil, den ich zuerst die Selbstbehauptende nannte – eine Art Beschützerin, die sofort aktiv wird, wenn irgendwo Unruhe entsteht.

Sie war immer zur Stelle. Bei jedem Konflikt, jeder Ungerechtigkeit, jedem Gespräch, das geklärt werden musste – sie sprang drauf, erklärte, moderierte, engagierte sich. Danach dachte ich oft: Mei, was hast du da schon wieder so viel Energie reingelegt.


Was sich konkret verändert hat

Die Arbeit mit meinen Persönlichkeitsanteilen war das Entlastendste, was mir in der Weiterbildung passiert ist. Auf einmal konnte ich sagen: Das ist nicht ich als Ganzes, der da gerade reagiert – das ist ein Teil von mir. Das allein hat schon viel Druck rausgenommen.

Konkret zeigt sich das zum Beispiel so: Vor Kurzem haben sich zwei meiner Brüder in unserer gemeinsamen WhatsApp-Gruppe ordentlich gestritten – ausgelöst durch die Pflegeheim-Situation unserer Mutter. Früher hätte ich sofort versucht zu moderieren, zu schlichten, mich einzumischen.

Diesmal habe ich einfach nichts geschrieben.
Nicht, weil es mich nicht beschäftigt hätte – es sind schließlich meine engsten Menschen. Aber ich konnte innerlich Abstand schaffen und mir sagen: Das sind zwei erwachsene Menschen, die kriegen das selbst hin. Ich muss das nicht richten. Das müssen die selber machen.


Wie sich das innerlich anfühlt

Früher hätte diese Situation vermutlich auch äußerlich Unruhe ausgelöst. Heute sitze ich mit verschränkten Armen da – nicht aus Distanz, sondern aus einem ruhigen: Das kriegt ihr auch ohne mich hin.

Ich kann mir inzwischen Zeit nehmen, in Ruhe nachdenken, mich fragen: Werde ich hier überhaupt gebraucht? Und wenn nicht, dann lasse ich es einfach auf mich wirken, ohne sofort zu handeln.

Möglich wurde das durch einen inneren Dialog, den ich mir über die Zeit angewöhnt habe: Ich spreche mit diesem Teil in mir. Ich sage ihm: Ja, ich sehe dich, ich verstehe dich, ich weiß auch, was du willst, und es ist auch alles vollkommen in Ordnung – aber beruhig dich. Das ist keine einmalige Technik, sondern etwas, das sich durch die wiederholte Arbeit mit den Anteilen von selbst eingespielt hat. Der Teil, der früher sofort alles richten wollte, ist inzwischen einfach ruhiger geworden.


Nein sagen, ohne es zu erklären

Auch beim Neinsagen hat sich etwas verändert. Früher habe ich Ablehnungen oft ausführlich begründet, mich fast dafür gerechtfertigt. Heute kann ich einfach sagen: Nö, das geht leider nicht – ohne großartige Erklärung, ohne mich schlecht dabei zu fühlen.

Der Unterschied liegt nicht an einer Technik, sondern in der inneren Klarheit. Wenn ich für mich weiß, wo meine Grenze ist, muss ich nicht mehr drei Nächte drüber schlafen, bevor ich jemandem etwas absagen kann.

 

Wie es heute ist

Ich rege mich immer noch auf – bei Ungerechtigkeit, bei gesellschaftlichen Themen, die mir wichtig sind. Das soll sich auch gar nicht ändern. Der Unterschied ist: Ich tue das heute aus einer bewussten Haltung heraus, nicht mehr automatisch.
Und dieses Gefühl, dazugehören zu wollen, verstanden zu werden – das ist auch geblieben. Wir sind schließlich soziale Wesen. Aber ich muss nicht mehr bei jedem Konflikt draufspringen, um dazuzugehören.

Ich fühle mich heute im Einklang mit mir selbst. Das ist keine Resignation. Das ist Selbstführung im besten Sinne.

 


 

fotografiert von Johannes Männer in Seeon 2024 (linkedin.com/in/johannes-maenner-agile/) 

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