In dem vorhergehenden Artikel zu KI und Coaching ging es um den Unterschied zwischen Landkarte und Gelände – und darum, wie leicht eine KI-Antwort sich wie ein ganz persönlicher Weg anfühlt, obwohl sie eine Landkarte bleibt. Für inhaltliche Beratung und strategische Anregungen kann eine KI durchaus hilfreich sein. Auch bei komplexen Fragestellungen liefert sie oft gute und differenzierte Vorschläge. Wenn es im Coaching jedoch um persönliche Weiterentwicklung geht – was man nicht immer vorher weiß – ist eine KI nicht hilfreich. Nutzer riskieren, zu oberflächlichen Lösungswegen verführt zu werden.
Ein Beispiel
Ein Coachee – nennen wir ihn Andreas – lässt sich in den ersten Monaten einer neuen, verantwortungsvollen Führungsaufgabe von einem Coach begleiten. Sein Chef, selbst relativ neu im Haus, kennt ihn aus einer früheren Zusammenarbeit und hat ihn im Zuge einer Umstrukturierung als neue Führungskraft „mitgebracht“ und in eine Abteilung geholt. Eine sehr erfahrene Teamleiterin hatte eigentlich selbst damit gerechnet, diese Abteilung zu übernehmen, und ihre Unzufriedenheit mit dieser Entscheidung verbirgt sie nicht. Zwei weitere, langjährige Teamleiter bringen zudem seit einiger Zeit nicht mehr die Leistung, die inzwischen erwartet wird. Insgesamt herrscht eine angespannte Stimmung – zwischen diesen und den anderen Teamleitungen, aber besonders gegenüber Andreas, der sich kritisch beäugt und getestet fühlt. Sein Chef traut ihm die Aufgabe uneingeschränkt zu – gerade weil er ihn als kompetenten und durchsetzungsfähigen Manager kennt und schätzt.
In der dritten Coaching-Sitzung geht es nun primär um Andreas‘ Umgang mit der Teamleiterin, die sich Hoffnungen auf seinen Posten gemacht hatte. Er kann sich schon in sie hineinversetzen, versteht ihre Enttäuschung und Kränkung – zugleich ist er selbst enttäuscht und verärgert, dass sie ihn in keiner Weise unterstützt, sondern ihm eher Steine in den Weg legt. Dazu kommt, dass er nach den ersten sechs Wochen mit den beiden anderen Teamleitern frustriert und ungeduldig ist und nicht nachvollziehen kann, warum sie die Notwendigkeit der Veränderungen nicht einsehen und sich so wenig engagieren. Diese Situation hat Andreas bereits mit einer KI „besprochen“, bringt diese Antworten mit und möchte nun im Coaching an den ersten Umsetzungsschritten arbeiten.
KI-Lösung
Die Vorschläge der KI sind, empathisch auf die Enttäuschung der Teamleiterin einzugehen, ihr das destruktive Verhalten zu spiegeln und gemeinsam mit ihr ihre neue Rolle zu besprechen und abzustimmen. Des Weiteren schlägt sie vor, mit den beiden anderen realistische Ziele zu erarbeiten, sie in engmaschiger Rückkopplung dabei zu begleiten sowie die Details der Umstrukturierung in einer Teamsitzung zu erläutern und das weitere Vorgehen zu planen. Für alle drei empfahl sie zusätzlich, weitere Einzelgespräche anzubieten, in denen auch weitere Bedenken offen zur Sprache kommen dürfen.
Das Vorgehen im Coaching
Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, auf so einen Wunsch eines Klienten im Coaching zu reagieren – im Folgenden beschreiben wir unser achtsamkeitsbasiertes Vorgehen, das von der unmittelbaren emotionalen Resonanz des Coaches geleitet ist: wie er mit den Spuren, die er beim Klienten liest – wie z. B. Tonfall, Tempo, ein flüchtiger Gesichtsausdruck – in Kontakt geht und spiegelt, was er gegenwärtig wahrnimmt. Und wie er mit Accessing-Fragen die Aufmerksamkeit des Klienten dort halten kann, wo es für ihn Bedeutsames zu erforschen geben könnte.
Dem Coach fällt bei den Schilderungen von Andreas auf, wie sehr er geladen ist. Allein schon die Vorstellung, sich in die emotionale Lage der Teamleiterin wie auch der beiden anderen Teamleiter hineinzuversetzen und in den Gesprächen mit ihnen mehr Empathie zu zeigen – was ein wesentlicher Vorschlag der KI war –, löst ganz offenbar Unbehagen und starke Anspannung aus. Der Coach spricht diese Abwehr direkt an: „Würde es Sie interessieren, warum die Vorstellung, hier mehr Empathie zu zeigen, so ein Unbehagen auslöst?“ Der Klient nimmt die Einladung an, noch genauer hinzuspüren. Dann sagt er, im Tonfall eines inneren Kopfschüttelns: „Ich kenne es einfach nicht, dass jemand mich so abprallen lässt … Auf so wenig Offenheit und Kooperationsbereitschaft zu stoßen.“ Der Coach geht behutsam in Resonanz mit dem wahrgenommenen Gefühl: „Ist das für Sie richtig unangenehm?“ Andreas nickt langsam und sagt nach einer Weile: „Ich habe das Gefühl, die lehnen mich ab.“ Er wirkt betroffen. Hier vertieft der Coach: „Interessiert es Sie, da noch für einen Moment zu bleiben?“, und als Andreas zustimmt: „Erlauben Sie sich, das Gefühl abgelehnt zu sein, für eine Weile wahrzunehmen – was zeigt sich noch?“ Andreas wirkt nachdenklich, fast überrascht von sich selbst: „Ich glaube, ich mache einfach zu … Ja klar, und zeige natürlich nicht, wie sehr mich das trifft.“
Wie viel Mehr sich jetzt zeigt
In den nächsten Minuten spürt Andreas deutlicher, dass es in diesem Zustand unmöglich ist, aufrichtig mit einer interessierten, empathischen Haltung auf die drei Personen einzugehen. Er erkennt klarer: Er vermeidet, sich unsicher und persönlich getroffen zu fühlen, und möchte das schon gar nicht zeigen. Ihm ist seine Souveränität und Durchsetzungskraft sehr wichtig. Während ihm in den ersten Sitzungen vor allem die Angst zu scheitern bewusster geworden war, wird ihm in dieser Sequenz zunehmend klar, dass die Anteile in ihm, die Kontrolle behalten und sich durchsetzen wollen, in herausfordernden Situationen innerlich auf Distanz gehen – und es ihm dadurch unmöglich machen, in einem guten empathischen Kontakt zu sein. In diesem mobilisierten Zustand ist er an den Menschen und ihren Gefühlen nicht wirklich interessiert. Er fokussiert sich vor allem auf das Erreichen seiner Ziele. Mitfühlend bietet der Coach an: „Es klingt, als müssten Sie sich in dieser Situation in gewissem Sinn unverwundbar machen, um das auszuhalten?“ Andreas schweigt einen Moment. „Ja“, sagt er dann leise. „Genau das.“
Diese Erkenntnisse werden möglich, weil der Coach dem inneren Erleben von Andreas folgt und die Aufmerksamkeit von ihm auf den gegenwärtigen Zustand lenkt und diesen weiter erforscht: sich als Mensch abgelehnt zu fühlen, verbunden mit einer ihm fremden Ohnmacht und Ratlosigkeit. Auch die Art, sich gegen diese Verletzlichkeit zu wehren und zu schützen, wurde ihm so bewusst. Andreas wirkt nachdenklich und auch etwas erleichtert. Der Coach bittet ihn, die wichtigsten Erkenntnisse zusammenzufassen, auch hinsichtlich ihrer möglichen Wirkung auf die anderen: Dass seine toughe Seite auf andere unnahbar, wenig interessiert und sogar menschlich ablehnend wirken kann und dass genau das den Widerstand der anderen erhöhen dürfte.
Mit der Offenheit für die unterschiedlichsten Möglichkeiten und mit dem geduldigen Verweilen bei dem, was sich Schicht für Schicht zeigt, entsteht beim Klienten das Vertrauen und das Vermögen, sich einzulassen auf das Erkunden der emotionalen Ebene. Die unvoreingenommene, interessierte Haltung des Coaches steckt seine eigene Neugier an. Diese vertrauensvolle Beziehung macht einen sehr deutlichen Unterschied zu KI-Antworten.
KI berät, Coaching verändert
KI-Antworten können inhaltliche Zusammenhänge analysieren und sinnvolle Strategien für Businessanliegen liefern. Das sind alles Aspekte einer guten Beratung – individuell formulierte Routenvorschläge.
Aber das, was einem Menschen selbst noch nicht bewusst ist, kann eine KI nicht erschließen. Eine KI kann nur mit Informationen arbeiten, die ihr mitgeteilt werden. Sie kann nicht, wie ein aufmerksamer Coach, Gefühle lesen und zurückspiegeln, die der Klient selbst noch nicht wahrnimmt. Was unbewusst ist, bleibt somit unbewusst.
Was hier entsteht, ist ein Lernen zweiter Ordnung. Es geht nicht primär um das Wissen „Wie gehe ich mit den drei Teamleitungen um“, sondern darum, entscheidende tieferliegende Zusammenhänge und Defizite in seiner Führungskompetenz zu erkennen. Erst jetzt ist es möglich, mit dem Coach an den Wurzeln der Probleme zu arbeiten.
Ein besonderer Wert von Coaching
Persönliches Wachstum mit Weiterentwicklung der Kernkompetenzen emotionaler Intelligenz – Selbstwahrnehmung, Selbstführung sowie Empathie und Gestalten von Beziehungen – ist der Gewinn in der Begegnung und Arbeit mit einem Coach.
fotografiert von Thomas Dietz
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