Wenn sich etwas nachhaltig verändert: Die kraftvollsten Momente im Coaching


Von allen Wirkfaktoren im Coaching ist die Gegenüberstellung die bedeutsamste und machtvollste. Prägende Erfahrungen und Überzeugungen stehen einer angestrebten Entwicklung oft im Weg – und genau da setzt dieser Ansatz an.

Das Prinzip der Gegenüberstellung

Es werden frühere, emotionale Erfahrungen erkundet und gleichzeitig oder kurz danach werden diesen neue, positive Erfahrungen gegenübergestellt. Das Erleben eines problematischen Ist-Zustands und die tiefgreifende Veränderung, die durch die neuen Erfahrungen und Gefühle in der gleichen Sitzung erfolgt, ist gut erforscht. Dabei wird die emotionale Ladung eines problematischen Zustandes aktiviert und durch eine neue, befreiende Erfahrung überschrieben.

Als wir vor ein paar Jahren das Buch „Schlüssel zum emotionalen Gehirn“ (2016) von Ecker, Ticic und Hulley gelesen haben, in dem die Gegenüberstellung beschrieben wird, wurde uns noch klarer, warum ein erfahrungsorientierter Coaching-Ansatz so wirksam ist. Und warum gerade die Kombination von Achtsamkeit, Körperorientierung und der systemischen Arbeit mit Persönlichkeits-Teilen eine so besondere Begegnung mit sich selbst und nachhaltige Veränderungen ermöglicht.

Am Beispiel von Marco beschreiben wir, wie emotionale Muster aufgesucht, aktiviert und nachhaltig transformiert werden.

Marco ist ein erfahrener Manager in einer neuen Führungsrolle. In Teambesprechungen bringt er Ideen ein – doch wenn diese überhört oder nicht aufgegriffen werden, zieht er sich innerlich zurück. Besonders wenn dominantere Personen später dasselbe sagen und dafür Begeisterung ernten, reagiert er verärgert und trotzig: Er meldet sich seltener zu Wort, wirkt unbeteiligt und distanziert. Er selbst weiß, dass es nicht hilfreich ist. Und doch passiert es immer wieder – dieses Muster kennt er bereits seit Jahren.

Hintergründe gegenwärtig erforschen

Wir erforschen mit Klienten den problematischen Ist-Zustand in Achtsamkeit, insbesondere das, was in einer Auslösesituation emotional erwacht. Interessant ist, welche früheren Erfahrungen die heutige Wahrnehmung und emotionale Reaktionen bestimmen. Dabei achten wir auf Anschauungen und Strategien von Teilen der Persönlichkeit, die versuchen, unangenehme Zustände und Gefühle zu vermeiden.

Bei Marco zeigt sich: Ein innerer Anteil reagiert auf die mangelnde Resonanz mit einem Gefühl des Abgekoppeltseins – nicht zugehörig, nicht wertvoll, ganz am Rande. Eine andere Seite blickt auf diesen Zustand mit Resignation, wie bei einer inneren Kündigung, und flüstert: „Das bringt nichts… du wirst sowieso nicht gehört… lass es bleiben.“ Und dann meldet sich eine ärgerliche Instanz, die auf diesen Rückzug kritisch reagiert, aber auch nichts ändern kann.

Innere Dynamiken tiefer verstehen

Im Coaching erkunden wir die Intention von spezifischen Verhaltensstrategien von Klienten. Beim inneren Dialog mit Teilen der Persönlichkeit begleitet der Coach die Klienten dabei, die Erfahrungen und Befürchtungen von beschützenden Anteilen näher zu erkunden: Was ist die Absicht dieser Schutzreaktion? Was soll nicht passieren, was verhindert oder beschützt werden – und warum? Woher kommt diese Befürchtung oder Überzeugung, was hat der Klient erlebt?

Im Kontakt mit der Verletzlichkeit dahinter – die bislang verdeckt wurde – können Klienten diese wahrnehmen. In der Begegnung mit empfindsamen Anteilen zeigen sich oft frühere Erfahrungen und Gefühle. Der Coach kann Klienten dabei unterstützen, sich heute auf die Verletzungen von damals anders zu beziehen.

Viele Klienten empfinden spontanes Mitgefühl und den Impuls, den verletzlichen Zuständen das zu geben, was sie brauchen.

Marco erkennt: Der „resignierte Rückzugsanteil“ möchte ihn davor bewahren, den Schmerz des Ausgegrenztseins zu fühlen. Es tauchen Erinnerungen auf: aus Italien kommend hat er als Jugendlicher in einer deutschen Schule viel Abwertung und Ausgrenzung erlebt. Der Coach unterstützt ihn, diesen ausgegrenzten Teil achtsam wahrzunehmen. Marco spürt, wie das bloße Hinwenden der Aufmerksamkeit etwas innerlich entspannt – er kann das verletzliche Gefühl für einen Moment liebevoll halten, anstatt ihm wie sonst auszuweichen.

Neue Optionen aufspüren

Mit dem erspürten Wissen über zentrale Zusammenhänge und Befürchtungen der Anteile suchen Coach und Klient gemeinsam nach neuen Optionen: Unter welchen Umständen wäre ein „Beschützer“ bereit, weniger stark zu reagieren? Dabei zeigen sich Situationen aus dem gegenwärtigen Leben auf, in denen das für den Klienten gut vorstellbar und sicher genug wäre. Mit dieser neuen Perspektive wendet sich der Klient innerlich einer solchen herausfordernden Situation zu und erkundet mit dem Coach, was jetzt anders ist. Das erfordert viel Achtsamkeit von beiden Seiten, um den neuen Zustand und das veränderte Verhalten zu untersuchen.

Marco spürt: Das Überhörtwerden heute ist nicht dasselbe wie das von damals. Er ist nicht mehr der Jugendliche, der verstummen musste – heute kann er differenziert ausdrücken, was er denkt und fühlt. In diesem Moment blickt er mit Wohlwollen und Empathie auf den Jungen von damals – nicht mit Abwertung und Scham. Und der „resignierte Rückzugsanteil“ nimmt wahr: Marco weicht dem schmerzhaften Gefühl nicht länger aus. In diesem Moment – zwischen dem alten Erleben und der neuen Erfahrung – verändert sich etwas spürbar. Er kann entspannter mit dem Gefühl von „nicht gehört und am Rande sitzen“ in Kontakt sein. Durch den gewissen Abstand, den er mit der Achtsamkeit gewonnen hat, ist es ihm möglich, etwas freier zu agieren. Er kann das empfindsame Gefühl in seinem Gewahrsein halten, der habituelle Rückzug bleibt auf Distanz und Marco kann sich wieder an der Diskussion beteiligen. Wenn er die Empfindsamkeit wahrnimmt, nicht verdrängt und halten kann, ist er in der Lage, im Kontakt und präsent zu bleiben und sich selbstverständlich einzubringen.

Das Entdecken von neuen Optionen für beschützende Anteile und vor allem die wohlwollende Begegnung mit verletzlichen Teilen der Persönlichkeit im Rahmen eines Selbstdialogs sind tiefe und nachhaltige Erfahrungen. Klienten werden zum mitfühlenden Zeugen dessen, was damals gefühlt und erlebt wurde. Durch Selbst-Mitgefühl fühlen sich empfindsame Anteile wie von einem liebevollen Erwachsenen gesehen und gut aufgehoben – wo sie zuvor verdrängt, abgeschoben, abgelehnt waren.

Das Entscheidende bei der Gegenüberstellung: Klienten werden sich ihrer bisherigen Gefühle und Überzeugungen gewahr – und erleben im nächsten Moment intensiv, wie sich eine neue Wirklichkeit anfühlt. Dieses ganzheitliche Erleben wird jetzt in der Gegenwart mit Mitgefühl und Anteilnahme wahrgenommen. Die gefühlte Evidenz gibt dem Neuen Kraft.

Was passiert bei der Gegenüberstellung im Gehirn?

Während der Gegenüberstellung ist ein Klient mit beiden Erfahrungswelten gleichzeitig in Kontakt: dem früheren Erleben mit seinen Überzeugungen und Gefühlen – und den neuen Erfahrungen, die dieser alten Sicht widersprechen. Wenn limitierende Überzeugungen so aktiviert und durch neues Erleben widerlegt werden, verlieren sie ihre Macht.

Solche nachhaltigen Veränderungen von tiefen, automatischen Interpretations-, Gefühls- und Handlungsroutinen werden in der Psychologie „Gedächtnisrekonsolidierung“ genannt. Im impliziten Gedächtnis verankerte alte (konsolidierte) Anschauungen werden im aktivierten Zustand labilisiert. Die neuen Erfahrungen, z.B. im Selbstdialog, treffen auf diese vorübergehend instabilen Netze und überschreiben sie mit dem neuen Erleben.

Anschließend werden diese neuen neuronalen Prozesse „rekonsolidiert“, also verfestigt. Sie werden innerhalb von ein paar Stunden (oft im Schlaf) fest in die neuronale Struktur eingebaut.

Verankern

Das Neue wird im Coaching und dann im Alltag integriert und gestärkt. Marco kann sich auf bevorstehende Meetings emotional anders einstimmen, indem er sich die möglicherweise auftretenden alten Gefühle sowie seine neue präsente Haltung vergegenwärtigt. Diese mentale Einstimmung stärkt ihn bei der Selbstführung angesichts von „Trigger-Situationen“.

Die Veränderung entsteht durch das tiefe Berühren des Alten und das konsequente Spüren und Einüben des Neuen. Voraussetzung ist, dass sich die neuen Erfahrungen intensiv und echt anfühlen. Das gilt auch für die Erfahrung in der Beziehung zum Coach. Deshalb sind Resonanzfähigkeit und Spürbarkeit des Coaches so zentral.

Foto: Johannes Männer in Seeon 2024 (linkedin.com/in/johannes-maenner-agile/)



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