Wie können Klient*innen im Coaching ihre Aufmerksamkeit mehr nach innen lenken, um substanzielle und tieferliegende Zusammenhänge zu erkennen – statt nur über ihre Anliegen und Herausforderungen zu sprechen? Wie können wir Zugang zu ihrer Innenwelt schaffen und gezielter damit arbeiten.
Eine Kombination aus Achtsamkeit, Körperorientierung und der Arbeit mit Persönlichkeitsteilen eröffnet einen Weg. Besonders Menschen, die eher mental und nach außen orientiert sind, profitieren von einer achtsamen Haltung und einem langsamen Vorgehen. Sie lernen dadurch, sich selbst differenzierter wahrzunehmen und sich tiefer kennenzulernen. Das systemische Modell der Persönlichkeitsteile (Internal Family Systems) – geschickt eingeführt – weckt bei Klienten Neugier für die Auseinandersetzung mit sich selbst und ihren Reaktionen.
Ein konkretes Beispiel
Eine Teamleiterin erhielt in einem 360-Grad-Feedback die Rückmeldung, dass ihr das Feingefühl für das Zwischenmenschliche fehlt. Sie bezieht ihre Mitarbeiter und Peers nicht ausreichend ein und geht häufig über deren Interessen und Bedenken hinweg. Sie wird als ambitioniert, anspruchsvoll und sehr zielorientiert wahrgenommen. Wegen dieser mangelnden Empathie zweifelt man an ihrem Potenzial für eine Abteilungsleiter-Position und ist skeptisch, ob sie Empathie überhaupt entwickeln kann. Das Coaching sollte ihr eine Entwicklungschance geben.
Ziel
Das gemeinsam erarbeitete Entwicklungsziel lautete: zu verstehen, warum sie Gefühle anderer nicht wahrnimmt, und mehr Neugier und Interesse für den emotionalen Zustand anderer Menschen zu entwickeln. Coach und Klientin schätzten dieses Ziel als realistisch ein – auch angesichts des begrenzten Stundenkontingents.
Schritt 1: Den Zustand untersuchen
Wir einigten uns darauf, eine konkrete Situation zu erforschen, in der die Klientin typischerweise rigide vorgeht und es ihr an empathischer Haltung fehlt.
Accessing-Fragen: Der Coach bittet sie, wie in Zeitlupe zu beobachten, was als Erstes innerlich passiert, wenn sie auf ihre Vorschläge Widerstand erhält – etwa in Form von Einwänden. Was zeigt sich: eine höhere Spannung im Körper? Eine Veränderung der Körperhaltung? Ein Gefühl? Ein Gedanke? Er lädt sie ein, mit ihrer Aufmerksamkeit genau dort zu verweilen, wo die ersten inneren Reaktionen und Impulse entstehen.
Da ist absolutes Unverständnis und ein Anflug von Ärger. Beim achtsamen Erkunden dieser Gefühle und der damit verbundenen Mobilisierung – körperlich nach vorne gerichtet und angespannt – bemerkt sie dahinter auch ein subtiles Gefühl von „Boden verlieren“ sowie einen starken Impuls, „Standhaftigkeit zu bewahren“.
So nachvollziehbar das für einen Außenstehenden ist – der Klientin waren diese feinen Empfindungen bislang völlig unbewusst.
Schritt 2: Den Automatismus genau erforschen
Coach und Klientin nehmen sich Zeit, alles zu erkunden, was vom ersten Moment an – angesichts eines spezifischen Triggers – nacheinander innerlich passiert. Das, was sonst unbewusst und automatisch abläuft, wird Schritt für Schritt sichtbar.
Es wird deutlich, dass sich ihr Zustand in Bruchteilen von Sekunden verschiebt: von Unsicherheit zu Bestimmtheit, von Überraschung zu Dominanz. Sie will nichts hören, denn das würde sie noch mehr unter Druck setzen. Ihr Inneres hofft, mit Argumenten überzeugen zu können. Je mehr sie merkt, dass sie die anderen verliert, desto rigider und härter wird sie.
Schritt 3: Persönlichkeitsteile identifizieren
Der abschließende Schritt des ersten Coachings ist, diesen aufkommenden Zuständen Namen zu geben: „Die Unsichere – Boden Verlierende“, „Die Bestimmende“ und „Die Ungeduldig-Zielstrebige“. Dieser Prozessschritt schärft die Wahrnehmung erheblich. Die Klientin wird im Alltag aufmerksamer für diese Zustände. Wenn solche Anteile einen Namen haben, können Menschen die damit verbundenen Zustände früher erkenne und intelligenter darauf reagieren.
Der Umgang mit der inneren Dynamik dieser Persönlichkeitsanteile, ihrer Angst, „schwach dazustehen“, und wie die Bestimmende und Zielstrebige das zu verhindern versucht – das ist für die Klientin sehr erhellend. Besonders wertvoll ist auch die Erkenntnis, dass sie nur dann empathisch und souverän auf Einwände und andere Meinungen eingehen kann, wenn sie es aushält, infrage gestellt zu werden.
Mehr dazu in einem Folgeartikel.
Foto: Johannes Männer in Seeon 2024 (linkedin.com/in/johannes-maenner-agile/)
Dieser Artikel erschien zuerst auf LinkedIn:
https://www.linkedin.com/pulse/zugang-zur-innenwelt-im-coaching-thomas-dietz-uidpc/
Komm dort gerne mit uns in den Austausch – wir freuen uns auf deine Gedanken und Erfahrungen!
www.linkedin.com/company/dietz-coaching/