Von Ingeborg und Thomas Dietz
Warum die Coaching-Beziehung selbst das wichtigste Lernfeld ist
Wir gestalten unsere Beziehungen – auch die zu uns selbst – auf der Basis prägender, früherer Erfahrungen mit wichtigen Bezugspersonen. Im Coaching sind neue Erfahrungen in der Beziehung zum Coach eine wesentliche Möglichkeit, neue Optionen angesichts alter, limitierende Überzeugungen über Beziehungen zu entdecken.
Es ist weniger das methodische Vorgehen als die reale, fühlbare Beziehung zwischen Coach und Klient, durch die Menschen lernen, mit sich selbst anders und tiefer in Beziehung zu kommen.
Ein Beispiel aus der Praxis
Eine Klientin spricht davon, dass es ihr schwerfällt, sich zu fokussieren und proaktiv eigene Entscheidungen zu treffen. Lieber folgt sie den Vorschlägen anderer. Während wir über Ziele und nächste Schritte sprechen, entsteht eine angespannte und diffuse, belastete Stimmung. Die Klientin fühlt sich ähnlich hilflos wie im Alltag, wenn Entscheidungen anstehen.
Die emotionalen Reaktionen des Coaches als Information
Die Art, wie eine Person von ihren Herausforderungen spricht und sich darauf bezieht, hat eine Wirkung auf den Coach. Psychodynamisch gesehen gibt es drei typische emotionale Reaktionen, die sehr informativ sein können:
1. Identifikation: Der Coach fühlt sich zunehmend desorientiert und ratlos – wie die Klientin selbst.
2. Gegenübertragung: Der Coach zweifelt daran, dass die Klientin fähig ist, selbst zu entscheiden, was für sie stimmig ist.
3. Eigene Übertragung: Der Coach wird ungeduldig, macht viele Vorschläge und übernimmt verstärkt die Führung.
Achtsamkeit als Schlüssel
Mit Achtsamkeit und Selbstkenntnis sind feinen Nuancen in unseren Interaktionen deutlich zu spüren. Das klingt banal, ist aber entscheidend: Wenn wir mit einem Zustand von Klienten identifiziert sind oder in eine Übertragung geraten, verstricken wir uns mit ihrem inneren System. Die Wechselwirkungen werden zu Wiederholungen des Bekannten.
In unserem Beispiel würde sich die Klientin darin bestätigt fühlen, unfähig zu sein, selbst eine klare Richtung zu entwickeln.
Neue Beziehungserfahrungen ermöglichen
Durch die Qualität der Beziehung zum Coach lernen Klienten, anders mit sich selbst in Beziehung zu sein. Ein Coach, der achtsam im Hier und Jetzt ist, wird zum Spiegel für das gegenwärtige Erleben. Klienten können sich ihrer automatischen Muster gewahr werden.
Wenn ein Coach entspannt, interessiert und wohlwollend zugewandt Raum gibt für differenziertes Erkunden, entwickeln die Klienten diese Haltung auch im Kontakt mit sich selbst.
Die Transformation im Beispiel
Die Klientin kann beginnen, sich den Anteilen zuzuwenden, die starke Selbstzweifel haben und außenorientiert sind. Das neugierige Erkunden dieses Zustandes – anstelle des üblichen Frusts und der Selbstkritik darauf – ist neu für sie.
Die fühlbare Geduld und Offenheit des Coaches im Kontakt mit ihr ermöglichen der Klientin, entspannt in ihrem Suchprozess zu bleiben, anstatt das Nicht-Wissen abzuwerten und zu bekämpfen. In diesem offenen Raum zeigen sich erste zarte Impulse für eine eigene Richtung, die sie mit Zutrauen erfüllen.
Welche Erfahrungen haben Sie mit der transformativen Kraft der Coaching-Beziehung gemacht?
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