Klienten neigen dazu, im Coaching detailliert über ihre Probleme zu berichten, Situationen und Zusammenhänge zu analysieren und rational nach Lösungen zu suchen. Sie bewegen sich dabei im Bereich des Vertrauten. Echte Transformation findet jedoch nicht auf der Verstandes- und Verhaltensebene statt, sondern auf der Erlebensebene.
Erfolgreiche persönliche Weiterentwicklung hängt maßgeblich davon ab, dass Klienten lernen, bei ihrem unmittelbaren Erleben präsent zu bleiben und dort zu verweilen. Das bewusste Innehalten bei relevanten inneren Phänomenen ist ein wesentlicher Schlüssel zu nachhaltiger Veränderung.
Vom Reden ins Erleben
Während Klienten über bevorstehende oder vergangene Schwierigkeiten oder Empfindungen sprechen, versetzen sie sich in diese Zeitdimension und erleben sie im Hier und Jetzt. Ein Coach, der auf den non-verbalen Ausdruck achtet, kann wahrnehmen, was gegenwärtig emotional ausgelöst wird. In der Art des Sprechens spiegeln sich tieferliegende Gefühle oder Bedürfnisse. Ein Coach, der die Spuren des gegenwärtigen Erlebens wahrnimmt, kann Gefühle und innere Zustände ansprechen, die den Klienten noch nicht bewusst sind. Er kann dann die Aufmerksamkeit auf diese Zustände lenken – auf Gedanken, Gefühle, Impulse oder innere Bilder – die im Redefluss schnell untergehen.
Das gegenwärtige Erleben wahrnehmen, benennen, erkunden
1: Das aktuelle Erleben wahrnehmen:
Als Coach auf die non-verbalen Spuren achten, die vom Inhalt oft überdeckt werden. Sich nicht von den Worten ablenken lassen, sondern sich für den jetzigen inneren Zustand interessieren.
2: Das Wahrgenommene benennen:
Dem Klienten spiegeln, was wir wahrnehmen und glauben zu erkennen, z.B. „das löst gerade einen Druck aus?“, „macht dich unsicher?“, „ist belastend?“ Indem ein Coach das Erleben benennt, rückt es stärker in das Gewahrsein.
3: Gemeinsam erkunden
Wir können Klienten einladen, in diesen Momenten zu verweilen und die Aufmerksamkeit dort zu halten. Die Achtsamkeit ist dabei wie ein Scheinwerfer: Der Fokus wird auf das ausgerichtet, was beleuchtet und besser verstanden werden will. Das, was sonst unbewusst abläuft, wird klarer erkannt und offenbart oft tiefere psychodynamische Zusammenhänge.
Drei Beispiele
Eine schwere Entscheidung:
Eine Klientin erklärt, warum sie zwischen zwei Optionen hin- und hergerissen und mit sich selbst sehr ungeduldig ist. Während sie spricht, zeigt sich subtile Ängstlichkeit in ihrer Körpersprache. Statt die Vor- und Nachteile zu analysieren, verweilen wir bei dieser Angst. Sie erkennt: Eine tiefere Seite von ihr vermeidet die Entscheidung aus Sorge, vertraute und lieb gewonnene Menschen im Leben zu verlieren.
Die defensive Führungskraft
Ein junger Manager berichtet ärgerlich davon, dass er sich von Peers schnell in Frage gestellt fühlt und darauf defensiv und trotzig reagiert. Unter seiner Wut zeigt sich jedoch etwas anderes: ein Gefühl von Unterlegenheit. Anstatt Strategien gegen die Trotzreaktion zu entwickeln, erkunden wir gemeinsam dieses Unterlegenheitsgefühl und verstehen, wodurch es ausgelöst wird. Auch können wir ihn darin unterstützen, mit diesen Gefühlen annehmender umzugehen, statt auf der Verhaltensebene etwas zu trainieren, was von der Persönlichkeit noch nicht getragen wird.
Der schwierige Kollege
Ein Klient ist entschlossen, einen Kollegen zu konfrontieren, von dem er sich häufig hintergangen und nicht unterstützt fühlt. Doch hinter seiner Entschlossenheit zeigen sich Zweifel und fast schon eine Resignation. Diese wahrzunehmen hilft ihm, authentischer und damit wirkungsvoller zu kommunizieren.
Mehr Bewusstheit im Coaching
Das Besondere und Wirksame dabei:Beim Erkunden ist entscheidend, dass Coach und Klient nicht versuchen, die Phänomene gleich zu korrigieren, zu lösen, zu verändern oder zu kontrollieren. All das ist kontraproduktiv, denn es unterdrückt die ins Bewusstsein gerückten Erkenntnisse. In diesen Momenten zeigen sich Barrieren im Alltag – das, was der Person bislang bei ihren Bedürfnissen oder ihren Zielen im Wege steht: Die Ängstlichkeit vor einer Entscheidung, die Unterlegenheit bei einer Infragestellung, die Zweifel vor einer Konfrontation.
Wenn wir verweilen und verlangsamen, helfen wir Klienten, ihre emotionale Realität so wahrzunehmen und anzunehmen, wie sie ist.
Mehr Bewusstheit im Alltag
Klienten, die im Coaching lernen, ihr Erleben achtsam zu beobachten, entwickeln eine entscheidende Fähigkeit: Sie können im Alltag bewusst innehalten, wahrnehmen, was innerlich passiert und bewusster reagieren. Mit der Fähigkeit, einen Zustand achtsam zu beobachten, entsteht mehr Abstand, sie sind davon weniger vereinnahmt oder gesteuert. Achtsames Innehalten wird ein zentrales Element der Selbstregulierung im Alltag.
Die unentschlossene Klientin
kann eine Entscheidung auch mit einer gewissen Angst treffen, die sie nun versteht, anstatt die Entscheidung automatisch zu vermeiden.
Die defensive Führungskraft
lernt zu spüren, wie vermutete Kritik zunächst Unterlegenheitsgefühle auslöst – bevor die Wut sie überflutet. Mit diesem Bewusstsein kann sie gelassener auf ihre Peers reagieren.
Der frustrierte Kollege
kann sowohl seine Zweifel als auch seine klaren Grenzen zum Ausdruck bringen – authentisch und wirkungsvoll kommunizieren.
Coaches, die das unmittelbare Erleben ihrer Klienten in den Fokus rücken, schaffen die Grundlage für nachhaltige Veränderung. Sie fördern nicht nur Problemlösungen, sondern Selbstwahrnehmung und bewusste Selbstführung – Fähigkeiten, die weit über das Coaching hinaus wirken. Das öffnet Türen zu Veränderungen, die Klienten oft als befreiend erleben.
Denn: Wo Bewusstheit entsteht, zeigen sich auch neue Handlungsmöglichkeiten.
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