Wie Polarisierungen Entwicklung blockieren – und sich lösen können

Innere Spannungen und Polarisierungen sind ein sehr häufiges Phänomen im Coaching. Sie wirken wie Blockaden in der Weiterentwicklung und lösen Frustration, Ungeduld und manchmal auch Unverständnis aus – bei Klient*innen wie bei Coaches. Dabei sind Polarisierungen keine Hindernisse, die es zu überwinden gilt. Sie sind wichtige Wegweiser, die uns zeigen, was beim weiteren Weg berücksichtigt werden sollte.

Seit vielen Jahren arbeiten wir mit der Dynamik von inneren Anteilen – als Coaches und in der Weiterbildung von Coaches. Was wir dabei immer wieder erleben: Ein achtsames, systematisches Vorgehen und eine forschende Haltung helfen, Polarisierungen nicht nur zu verstehen, sondern auch zu lösen.


Mit dem Widerstand – nicht gegen ihn

Ein zentraler Punkt in unserer Arbeit: Wir müssen mit den Kräften arbeiten, die eine Entwicklung bremsen, und nicht versuchen, den erwünschten Zustand einseitig anzusteuern.

Ein Beispiel: Ein junger Mann kann sich schlecht abgrenzen. Hier stehen mindestens zwei Seiten miteinander im Konflikt – eine will sich abgrenzen, die andere hat Befürchtungen davor. Viele Coaches versuchen, die angestrebte Entwicklung zu fördern: mehr Fürsorge für sich selbst zu entwickeln, anderen mehr Verantwortung zu übertragen, Loslassen zu lernen, Disharmonie auszuhalten, wenn man „nein“ sagt usw..

Doch die Kräfte dagegen – in diesem Fall gegen die angestrebte Abgrenzung – sind oft mächtig. Die Angst vor negativen Konsequenzen sowie tieferliegende Bedürfnisse nach Zugehörigkeit, Wertschätzung oder Harmonie steuern das Verhalten, auch wenn „der Kopf“ oder andere Anteile der Person sich etwas anderes wünschen. Diese Kräfte zu übergehen oder zu bekämpfen, führt selten zu nachhaltiger Veränderung. Stattdessen können wir gezielt mit ihnen arbeiten.


Dialog mit Anteilen der Persönlichkeit

Im Dialog mit einem Teil können wir mit Polarisierungen konstruktiv umgehen. Wir begleiten Klient*innen dabei, im Kontakt mit einem Teil dessen vorherrschende Gedanken, Gefühle und Bedürfnisse zu erkunden. Das Fokussieren und neugierige Erforschen eines polarisierten Anteils, der zuvor bekämpft oder „verändert“ werden sollte, ist für viele eine überraschende Erfahrung.

Prägende Erfahrungen und das emotional daraus Gelernte werden unmittelbar und spürbar bewusst. Bei unserem Beispiel sind es die emotionalen Hintergründe eines sich anpassenden Teils, der stärker auf die Bedürfnisse anderer ausgerichtet ist, als auf die eigenen. Die Anschauungen, Befürchtungen und Bedürfnisse eines Teils werden im inneren Dialog als evident erlebt. Der junge Mann fühlt die Bedrohung alter Erfahrungen, sich ausgeschlossen und beschämt zu fühlen, wenn er die Erwartungen anderer nicht erfüllt. Klienten sind erleichtert, wenn sie erkennen, dass ein bestimmtes Muster, wie hier sich anzupassen, eine sinnvolle Reaktionen auf etwas ist – und eben nicht so irrational oder negativ, wie zuvor gedacht.

Etwas, was in der Tiefe verstanden wird, darf sein. Diese annehmende Haltung an sich führt bereits zu einer Entspannung im inneren System.


De-Polarisation und neue Erfahrungen

Im Kontakt mit einem Teil entsteht ein neuer innerer Raum, eine veränderte innere Bezogenheit. Ein Persönlichkeitsteil, der sich verstanden fühlt, und Klient*innen, die differenzierter erkennen, was dessen tieferliegende Befürchtungen und Interessen sind, können sich bewusster auf neue Erfahrungen einlassen.

Im Dialog zwischen Klient*in und einem Teil kann verhandelt werden, was dieser bräuchte, um loszulassen und anderen Seiten mehr Raum zu geben. Im obigen Beispiel wäre das: Unter welchen Umständen, in welchen Situationen und wie würde eine stimmige Abgrenzung aussehen und sich gut anfühlen?

Das Entscheidende beim Verhandeln ist, dass ein polarisierter Teil das Vertrauen entwickelt, dass die Person mit potenziell unangenehmen Gefühlen, die mit einem veränderten Verhalten einhergehen könnten, auch gut umgehen kann – und zumindest bereit ist, dies zu riskieren. In unserem Beispiel etwa, dass sie es aushalten könnte, wenn jemand die Abgrenzung als egoistisch betrachten und enttäuscht sein könnte.

Mit diesem Vertrauen entsteht auch die Bereitschaft, sich auf neue Erfahrungen im Alltag einzulassen. Wenn die Kräfte, Impulse und Teile der Persönlichkeit, die zuvor den Weg verhindert haben, mehr loslassen können, wird Neues von alleine möglich.



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