Wie Veränderung gelingt: Arroganz ist manchmal nur getarnte Angst

Beatrice Müller begleitet Führungsteams in Veränderungsprozessen. Nach unserer Weiterbildung „Psychologie der Veränderung“ beschreibt sie, was sich verändert hat, in ihrer Arbeit, aber auch in ihrem eigenen Erleben.

Ich begleite gerade ein Leadership-Team mit massiven Konflikten zwischen Führungsteam und Geschäftsführung.

In der Vergangenheit wäre ich da wahrscheinlich viel konfrontativer gewesen. Hätte das Problem direkt benannt. Hätte Lösungen vorgeschlagen.

Heute halte ich erst einmal inne.

Ich frage mich: Woher kommt dieses Verhalten? Was schützt dieser Mensch gerade?

Und dadurch entstehen plötzlich ganz andere Möglichkeiten.

Was sich persönlich verändert hat

Dieser Blick hat auch meine eigene Geschichte verändert. Ich hatte früher ein riesiges Unsicherheitsthema. Vor allem in fremden Gruppen. Wenn ich vor Menschen sprechen musste.

Ausgerechnet in Situationen, in denen ich heute als Trainerin und Coach arbeite.

Ich hatte einen inneren Anteil entwickelt, der diese Unsicherheit überspielt hat. Und der wirkte auf andere oft arrogant.

Das war aber keine Arroganz. Das war Schutz.

In der Weiterbildung habe ich den Zusammenhang zum ersten Mal wirklich verstanden. Heute bin ich immer noch aufgeregt. Aber diese panische Ladung ist weg.

Früher hat mich die Unsicherheit gesteuert. Heute merke ich: Sie ist da. Aber sie führt nicht mehr.

Und das bedeutet: Ich muss mich nicht mehr imitieren. Ich kann einfach als Bea in einen Raum gehen.

Wie das passiert ist

Ein Moment in der Weiterbildung hat mich das besonders deutlich geprägt – nicht in meiner eigenen Klienten Rolle, sondern als Beobachterin.

Thomas hat mit dem verletzlichen Kind einer Teilnehmerin gearbeitet. Wie viel Schmerz da hochkam. Und wie viel Erleichterung danach.

Das hat mich tief berührt und demütig gestimmt.

Und ich habe verstanden: Man muss keinen Schuldigen finden. Man muss keine Beziehung kündigen. Man kann einfach mit sich und seinen inneren Anteilen arbeiten. Das finde ich so wunderschön an dieser Arbeit.

Ein anderer Moment: Ich hatte einen emotionalen Zusammenbruch in einem Übungscoaching. Inge sagte einfach: „Stell mal die Füße auf den Boden.“

Ich dachte: Ja klar, Erdung halt. Aber plötzlich habe ich körperlich gespürt, dass es wirklich hilft. Nicht als Technik – sondern als echte Verankerung.

Heute arbeite ich selbst oft damit, wenn ich merke, dass Menschen emotional sehr aufgewühlt sind.

Was das in der Praxis bedeutet - jenseits alter Sicherheiten

Dieser Blick auf innere Anteile hat sich nicht nur in meiner Arbeit mit Klienten gezeigt, sondern auch mir sehr viel mehr Klarheit geschenkt.

Ich habe meinen sicheren Job verlassen und mich selbstständig gemacht. Dieser Wunsch war schon lange da – aber mein innerer „Sicherheitsexperte“ hat Diskussionen darüber gar nicht erst aufkommen lassen.

In der Weiterbildung wurde immer klarer: Da ist etwas in mir, das raus will.

Ich glaube nicht, dass ich diesen Schritt ohne die Ausbildung gegangen wäre.

Und heute? Vieles bringt mich nicht mehr so aus der Fassung. Weil ich für mich selbst – aber auch für mein Gegenüber – Verständnis aufbringen kann.

Ich bin ein viel gelassenerer Mensch geworden.

Ich muss nicht mehr jeden Kampf kämpfen. Heute wähle ich genauer, welche sich wirklich lohnen.

Foto: Bea Müller, fotografiert von Nadine Keilhofer, (linkedin.com/in/nadine-keilhofer-141188b7/)

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